Hörner bei Männchen und Weibchen
Mit einem Gewicht von etwa 30 bis 50 kg und einer Widerristhöhe von 70 bis 80 cm ist die Gämse die kleinste Vertreterin der Ziegenartigen, einer Unterfamilie der Boviden (Hornträger), zu der unter anderem auch Ziegen, Schafe und Steinböcke gehören. Sowohl Männchen als auch Weibchen tragen hakenförmige Hörner, die im Gegensatz zu den Hirschartigen (Reh, Hirsch) niemals abgeworfen werden. Auf den ersten Blick kann die Gämse leicht mit einem Reh verwechselt werden. Die nach hinten gebogenen Hörner der Gämse unterscheiden sich jedoch deutlich vom verzweigten Geweih des Rehs. Charakteristisch für die Gämse ist zudem der weisse Kopf mit schwarzen Streifen.
Die Weibchen werden als «Geiss» bezeichnet, die Männchen als «Bock». Jungtiere bis zu einem Jahr heissen «Kitze», im zweiten Lebensjahr dann «Jährlinge». Ausserhalb der Brunftzeit leben die Böcke getrennt von den Geissen. Sie sind zwar eher Einzelgänger, schliessen sich aber manchmal zu Herden aus jungen Männchen zusammen.
Artenschutz und Bestandsmanagement
Bevor die Bestände im 19. Jahrhundert durch die Jagd stark dezimiert wurden, lebte die Gämse bis in die Wälder der Ebene hinein – oft in der Nähe von felsigen Steilhängen, die ihr als Zufluchtsort dienten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erholten sich die Bestände dank neuer, strengerer Jagdvorschriften, insbesondere zum Schutz der Geissen und ihrer Jungtiere, wieder. Im Berner Jura waren die Bestände jedoch so stark zurückgegangen, dass zwischen 1956 und 1972 insgesamt 33 Tiere im Naturschutzgebiet Combe Grède ausgesetzt wurden. In der Folge stieg der Bestand erheblich an, sodass die Jagd ab 1972 wieder erlaubt wurde. Sie unterliegt jedoch weiterhin Einschränkungen. Insbesondere Abschussquoten sollen die Populationen schützen, die durch verschiedene Gefahren wie beispielsweise die Störung des Lebensraums und Raubtiere bedroht sind.
Ein Pflanzenfresser, der sich vielseitig ernährt
Die Gämse ist ein opportunistischer Pflanzenfresser, dessen Ernährung je nach Jahreszeit stark variiert. Um ihren Nahrungsbedarf zu decken, passt sie sich den Ressourcen ihrer Umgebung in den Alpen und Wäldern an. Auf ihrem Speiseplan stehen insbesondere der Wiesen-Bärenklau, Gräser, Alpenblumen, Sträucher und sogar Farne. Ihr Verdauungssystem ist so gut angepasst, dass die Gämse sogar bestimmte giftige Pflanzen wie die Schwarze Tollkirsche und den Eisenhut fressen kann!
Steile, von Felsen durchzogenen Gebiete sind charakteristisch für den Lebensraum der Gämse. Als ausgezeichneter Kletterer findet sie dort Zuflucht vor ihren Feinden, insbesondere vor Luchsen und Wölfen. Dank ihrer robusten Statur und ihrer langen Beine kann sie sich mühelos auf felsigem und steilem Gelände fortbewegen. Die Hufe der Gämse sind mit weichen Mittelteilen, den sogenannten «Sohlen», ausgestattet. Diese wirken wie natürliche Saugnäpfe und ermöglichen es ihr, sich auch an Felswänden sicher fortzubewegen. Ihr lateinischer Name, Rupicapra rupicapra, bedeutet übrigens wörtlich «Felsziege».
Die Gämse kommt ursprünglich in den Wäldern der subalpinen und montanen Stufe vor. Gelegentlich kann sie jedoch auch im Mittelland bis hin zur kollinen Stufe beobachtet werden. Für die gesamten Gämsebestände des Schweizer Jurabogens gibt es keine aktuellen und verlässlichen offiziellen Zahlen. Auf Ebene des Kantons Bern, zu dem auch der Berner Jura gehört, liegt der Gesamtbestand bei etwa 12'000 Tieren. Für den gesamten Kanton Neuenburg werden etwas weniger als 400 Tiere geschätzt, während die Gesamtpopulation in der Schweiz bei etwa 86'000 Tieren liegt. In der Combe Grède, zwischen Villeret und dem Chasseral-Kamm, leben etwa 70 Exemplare.
Empfindlich gegenüber Störungen im Winter
Das Laufen durch den Tiefschnee kostet die Gämse bis zu 60-mal mehr Energie als normales Laufen. Deshalb ist sie im Winter besonders empfindlich gegenüber Störungen. In dieser Zeit, in der Nahrung knapp ist, können menschliche Aktivitäten wie Skitouren oder Schneeschuhwanderungen Tiere wiederholt in die Flucht treiben. Das erschöpft die lebenswichtigen Energiereserven des Tieres und erhöht das Risiko, an Stress und Erschöpfung zu sterben, erheblich. Um dies zu vermeiden, ist es unerlässlich, die für Wildtiere eingerichteten Ruhezonen zu respektieren. In diesen von den Behörden abgegrenzten Gebieten können sich die Gämsen ausruhen und in Ruhe fressen.
Mehr zur Erhebung im Kanton Jura (auf Französisch): https://canalalpha.ch/play/le-journal/topic/37239/le-recensement-annuel-des-chamois