Ziel des Vorhabens ist es, die Attraktivität und die Lebensqualität in der Gemeinde zu steigern und dabei gleichzeitig ihre landschaftliche und kulturelle Identität zu bewahren. Gisèle Tharin, eine der beiden für dieses Projekt zuständigen Stadträtinnen, erläutert die Zusammenhänge und möglichen Auswirkungen dieses Vorhabens.
Sie haben einen partizipativen Prozess ins Leben gerufen. Werden die in Umfragen und Workshops gesammelten Meinungen die endgültigen Entscheide der Gemeinde tatsächlich beeinflussen?
Definitiv ja! Für die Gemeinde ist es von entscheidender Bedeutung, diese Meinungen anzuhören und zu berücksichtigen. Wir machen hier keine Alibi-Übung. Schliesslich sind es die Einwohnerinnen und Einwohner wie auch die Gewerbetreibenden, die die Stadt Tag für Tag erleben – ihre Stimmen müssen gehört, ihre Ideen müssen sorgfältig analysiert werden. Ich möchte betonen, dass dies auch eine echte Chance für jede und jeden Einzelnen ist, sich über Umfragen oder partizipative Sitzungen einzubringen. Diese Chance sollte genutzt werden. Nicht alle Gemeinden haben die Möglichkeit – oder den Willen –, so etwas umzusetzen.
Welche spezifische Expertise bringt der Naturpark Chasseral ein?
Der Naturpark ist uns eine grosse Hilfe. Um ehrlich zu sein, hätten wir dieses Projekt ohne seine Ressourcen, seine Erfahrung und seine Fähigkeit, Fragebögen zu erstellen und die Ergebnisse auszuwerten, nicht umsetzen können. Das ist für uns eine echte Chance.
Hat der geplante Umzug der Migros zum Bahnhof eine Rolle bei der Lancierung des Projekts «Cœur de village – Dorfkern» gespielt?
Der Wunsch, ein Projekt zur Steigerung der Attraktivität der Innenstadt zu starten, bestand bereits vor den Umzugsplänen der Migros. Mit der Lancierung von «Cœur de village – Dorfkern» haben wir das – inzwischen weit fortgeschrittene – Umzugsvorhaben der orangefarbenen Ladenkette wieder aufgegriffen. Dass die beiden Vorhaben zeitlich aufeinandertreffen, kommt gerade recht – denn so können zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt werden. Insbesondere die Frage, wie man einen Mieter für die künftigen ehemaligen Räumlichkeiten der Migros finden kann – mitten im Stadtzentrum. Das ist nicht einfach.
Wie lässt sich die Nutzung des Place du Marché neu denken, sodass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen öffentlichen Aktivitäten und dem Bedarf an Parkplätzen entsteht?
Ich denke, es braucht eine gemischtgenutzte Platzgestaltung. Tagsüber ein Parkplatz und ausserhalb der Ladenöffnungszeiten ein Ort zum Verweilen und für Veranstaltungen. Die «Imériennes», die von 2021 bis 2024 in der Rue du Temple stattfanden, haben gezeigt, dass eine Veranstaltung nur dann organisiert werden kann, wenn sich alle engagieren: Vereine, Geschäfte, die Gemeinde usw. Heute ist diese Veranstaltung – insbesondere aufgrund fehlender finanzieller Mittel – auf Eis gelegt.
Die Modernisierung oder Begrünung des öffentlichen Raums mit dem Erhalt des im ISOS verzeichneten architektonischen Erbes in Einklang zu bringen, ist alles andere als einfach …
Die ISOS-Vorgaben sind streng und lassen keinen grossen Spielraum. Der Vorteil ist jedoch, dass sie einen klaren Rahmen für die gross angelegten Massnahmen bieten, die wir in Angriff nehmen oder zumindest ins Auge fassen möchten. Dadurch lassen sich bestimmte Ideen de facto ausschliessen, die aufgrund der Begeisterung, die sie hervorrufen könnten, vielleicht schwer zu verwerfen wären. Es handelt sich um Spielregeln, deren Auslegung wir noch lernen müssen.
Inwiefern ist die Verbesserung der Qualität öffentlicher Räume und Wege für Saint-Imier wichtig? Um neue Einwohnerinnen und Einwohner anzuziehen?
Unter anderem. Aber ganz klar: Die Gemeinde braucht neue Steuerzahlende und muss ihr Image aufpolieren. Da gibt es viel zu tun. Einige Strassen abseits der Hauptstrasse sind wirklich ziemlich heruntergekommen. Die von uns durchgeführten Umfragen und die teils durchaus kritischen Rückmeldungen müssen uns alle dazu bringen, der Realität ins Auge zu schauen und die richtigen Entscheide für die Zukunft unserer Stadt zu treffen.
Verfügt die Gemeinde über Möglichkeiten, um die Gewerbetreibenden zu unterstützen?
Leider gibt es da nur sehr wenige, wenn überhaupt. Wenn es ein Patentrezept gäbe, um den Geschäften in unseren Dörfern zu helfen, wüssten wir längst davon. Aufgeben ist trotzdem keine Option. Die Gemeinde wird sich gemeinsam mit den Gewerbetreibenden, die denselben Willen haben und zugleich Ideenreichtum und Kreativität mitbringen, dafür einsetzen, alles zu tun, was möglich ist. Nur mit guten Ideen und Kreativität werden wir gegen E-Commerce und die grossen Einkaufszentren bestehen können!
Welche Rückmeldungen erhoffen Sie sich von diesem partizipativen Ansatz im Hinblick auf die für diesen Herbst geplante öffentliche Präsentation?
Ich würde mich sehr freuen, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner sagen könnten: «Das wurde ja bereits umgesetzt!». Ich spreche jetzt nicht von grossen Projekten, die aufwendige Analysen erfordern, sondern von kleinen Verbesserungen, die auf Ideen aus Umfragen und Workshops basieren, und die wir schnell umsetzen könnten: eine gründliche Reinigung der Strassen, die Einrichtung von Veloabstellplätzen, die Säuberung der Brunnen. Ein weiteres Beispiel: Die Blumenkästen, die den Gewerbetreibenden zur Bepflanzung zur Verfügung gestellt worden waren, wurden vor ein paar Tagen von einer Gruppe von Damen übernommen, die sie nun bepflanzen werden. Ich wünsche mir, dass wir einen aktiven, bürgergetragenen Prozess anstossen, in dem sich alle engagierten Kräfte angesprochen und einbezogen fühlen.
